Shadow of the Tomb Raider

“Shadow of the Tomb Raider” – Stimmt, da war ja was. Es gibt ein neues “Tomb Raider”-Spiel. Das Spiel erschien offiziell am 14.09. ich hatte es aber schon seit dem 12.09., da man den Vorbestellern der „Croft Edition“ einen 2-tägigen Vorabzugang gewährt hat, was ich an sich eine schicke Sache finde. Das Spiel an sich unterscheidet sich in keiner Weise zur normalen Edition, denn der einzige Unterschied zwischen der normalen Edition und der „Croft Edition“ ist im Grunde, dass letzterer bereits der Season Pass und weitere DLCs für das Spiel beiliegen.

Aus unerfindlichem Grund ist der Release aber gefühlt etwas untergegangen. Ich bin selbst nicht sicher, ob der noch vom Release von „Marvel’s Spider-Man“ knapp eine Woche zuvor überschattet wurde, oder ob Square Enix als Publisher einfach nicht genug die Werbetrommel gerührt hat. Square Enix hat auf der Gamescom zwar auch „Shadow of the Tomb Raider“ präsentiert, aber hatte das Spiel nicht so sehr fokussiert, wie Sony es mit Spidey getan hat. Nichts desto trotz hatte ich mich seit der Ankündigung des Spiels auch wie Bolle drauf gefreut. Mir gefielen die „Tomb Raider“-Games schon seit dem ersten Teil aus dem Jahr 1996, aber besonders die Reboot-Serie seit 2013 hat bisher unter Beweis gestellt, dass sich Lara nicht (mehr) hinter Nathan Drake & Co. verstecken muss.

Das Spiel wurde von Eidos Montreal in Zusammenarbeit mit Crystal Dynamics entwickelt, die unter anderem auch hinter den ersten beiden Teilen des Reboots stecken und somit schon quasi Spezialisten in Sachen „Lara“ sind. Nachdem Lara im 2013er „Tomb Raider“ noch eine junge, unerprobte Archäologin war und lediglich durch eine Verkettung ungünstiger Ereignisse gezwungen wurde sich zu der starken Frau zu entwickeln, die den Mythos „Lara Croft“ ausmachen, so war sie beim zweiten Teil schon fast an dieser Stufe der Entwicklung angelangt. Doch erst durch ihre Abenteuer im Nachfolger „Rise of the Tomb Raider“, die sowohl die Vergangenheit ihrer Familie, aber auch die üblen Machenschaften einer Organisation namens Trinity aufdeckte, wurde diese Entwicklungsreise abgeschlossen. Sie stellt sich selbstbewusst gegen Trinity und hat für dich erkannt, dass sie mitunter auch in Situationen gezwungen wird, die harte Entscheidungen und eine immense Aufopferung von ihr erwarten. Letztendlich sind mit diesem Teil die Stützräder komplett entfernt, all die Erfahrungen der Vergangenheit haben Lara gestärkt und nun ist sie DER „Tomb Raider“, den die Figur bereits seit ihren Anfängen verkörpert!

Die Geschichte von “Shadow of the Tomb Raider” setzt knapp zwei Monate nach dem Ende von “Rise of the Tomb Raider” an und Lara findet sich, zusammen mit ihrem treuen Begleiter Jonah, auf der Halbinsel Yucatan und gleichzeitig direkt auf den Spuren von Trinity, wieder. Ein Wettlauf um ein übernatürliches Relikt der Maja ist entbrannt und dieses Mal steht alles auf dem Spiel und zugegeben ist Lara diesmal leider selbst Schuld an der Misere in der sie sich befindet, denn Lara hat (ausversehen) durch den Diebstahl eines Dolches das Ende der Welt eingeleitet. Dieser Dolch ist ein Instrument der Maja, mit dem man eine verrohte Welt wieder frei von Sünde waschen kann. Auch wenn das an sich erst mal nicht schlecht klingt würde das einen Reset der kompletten Welt und allem auf ihr bedeuten… Es gibt zwar noch eine Möglichkeit das Ende abzuwenden, aber dafür muss Lara vor Trinity das mysteriöse Gegenstück für den Dolch finden, was ihr sich als ihr größtes Abenteuer herausstellen wird…

Wer die vorherigen Teile gespielt hat, wird sich unmittelbar wie zu Hause fühlen, denn es hat sich im Vergleich wenig geändert. Besonders der Einstieg in die Story, nach einem kurzen Tutorial arbeitet nahezu identisch, wie in “Rise of the Tomb Raider”: In “Rise of the Tomb Raider” wird Lara auf einer Expedition durch eine Lawine von Jonah getrennt und findet sich danach ohne Waffen in einer feindlichen und von Gegnern überrannten Umgebung wieder. In “Shadow of the Tomb Raider” ist es zwar keine Lawine, sondern ein Flugzeugabsturz, der dafür sorgt, dass Lara allein und „ohne Waffen in einer feindlichen und von Gegnern überrannten Umgebung“ wiederfindet, aber die Ähnlichkeiten sind schon fast zu gleich. Im Grunde ist der Einstieg sogar im 2013er “Tomb Raider” absolut identisch, wenn man Lawine und Flugzeugabsturz durch “Schiffsunglück” ersetzt, denn auch dort findet sich „ohne Waffen in einer feindlichen und von Gegnern überrannten Umgebung wieder“. Hier hätten sich die Storyschreiber durchaus etwas neues einfallen lassen können. Was ist es dann im nächsten Teil? – ein Erdrutsch, ein Autounfall oder eine plötzliche Steuerprüfung? – Es mag sein, dass ich das vielleicht überdramatisiere, denn es ist schon irgendwie klar, dass wir am Anfang eines neuen Teils zwangsläufig irgendwie allein und unter-powered anfangen müssen, damit wir als Spieler auch eine feststellbare Entwicklung durchmachen können, aber das Story-Element, dass man durch ein beliebiges Ereignis plötzlich den Charakter mitsamt Ausrüstung und Fähigkeiten resettet bekommt, ist echt ausgelutscht.

Das Spiel zwingt uns dadurch erst mal Gegner lautlos auszuschalten, allmählich neue Ausrüstungsgegenstände (wieder) zu finden und unsere erste XP zu verdienen um neue Fähigkeiten zu erlernen. Zwar dauert es sich besonders lange, bis wir die meisten Ausrüstungsgegenstände wieder haben und zum Glück hat Lara auch die meisten Fähigkeiten, die wir ihr in den Vorgängern in mühevoller Kleinstarbeit beigebracht haben, nicht wieder vergessen, dass wir sie erneut freischalten müssen, aber dennoch hätte man hier ruhig etwas mehr Finesse beweisen können. Auch wenn Lara bereits eine erprobte Abenteuerin ist, so hat sie bei weitem nicht ausgelernt, denn es gibt auch jede Menge neuer Skills zu erlernen. Wie im Vorgänger ist der Skill-Tree in drei Bereiche aufgeteilt und wir können je nach Vorliebe des Spielers entweder die Schlagkraft, die Schleicheigenschaften oder das allgemeine Überlebenstraining unserer Lara ausbauen. Das spielt sich im Grunde, wie im Vorgänger, baut aber in einigen Punkten auf folgerichtig darauf auf. So sind einige Skills weggefallen, andere wurde untereinander kombiniert und es sind auch komplett neue dazugekommen, mit denen wir „unsere“ Lara entsprechend unseres bevorzugten Spieltyps formen können..

Das Gameplay an sich ist immer noch auf allerhöchstem Niveau. Lara ist so agil, wie nie und es macht richtig Spaß mit ihr die unmöglichsten akrobatischen Sprungpassagen zu meistern. Dabei findet das Spiel den perfekten Grad zwischen Unterstützung und Freiraum. Man sieht in der Regel immer, wo Lara herumklettern kann oder wo findet Stellen, wo es eine logische Erklärung geben muss, um hin zu kommen, ohne dass man ohne Sinn und Verstand durch Trial & Error herausfinden muss, wo es weitergehen könnte. Das war besonders in den erst „Tomb Raider“-Spielen manchmal viel zu kryptisch für meinen Geschmack. Auch das Kämpfen funktioniert gut, egal ob wir versuchen à la Rambo durchzurennen oder lautlos und unerkannt einen Gegner nach dem anderen versuchen auszuschalten. Wobei man hier anmerken muss, dass die Feuergefechte insgesamt abgenommen haben, was ich durchaus begrüße, denn Lara war immer mehr als nur ein Haudrauf mit Knarren und typisch für die Serie war eigentlich immer, dass Story und Rätzel im Vordergrund stehen.

Ähnlich wie die Vorgänger, oder auch das letzte “Uncharted”, um auch mal andere Vergleiche anstellen zu können, finden wir uns wieder in keinen komplett offenen Spielwelt wieder, sondern in kleineren abgesteckten Bereichen, die wir über die Story nach und nach freischalten. Entgegen “Uncharted” können wir aber die vergangenen Bereiche auch wieder besuchen und mit neuem Equipment zum Beispiel zuvor versperrte Areale öffnen, auf die Suche nach Sammelobjekten gehen oder auch Nebenmissionen erledigen. Auch die beliebten Gräber feiern eine Rückkehr und sind komplett optional zu erledigen, wenn man diese allerdings überspringt man fast das Beste, was das Spiel abseits der Story überhaupt zu bieten hat, denn diese sind gegenüber den Vorgängern nochmal größer und auch fordernder ausgefallen und wenn man die Rätzel-Einlagen durchschaut und gemeistert hat, setzt mehr denn je zuvor ein Gefühl der immensen Befriedigung ein. Zusätzlich wird man natürlich für die Mühen auch fürstlich mit XP und weiteren nützlichen Boni entlohnt.

Die Story an sich ist wirklich unterhaltsam, wenn auch insgesamt recht vorhersehbar. Es gibt zwar auch ein paar überraschende Momente, aber wer schon ein paar Spiele ähnlicher Machart, seien es die Vorgänger, oder auch „Uncharted“ gespielt hat, wird  die meisten Twists schon mehrere Meilen gegen den Wind kommen sehen. Aber da macht das Spiel auch gar keinen Hehl daraus, denn es möchte auch nicht unbedingt überraschen. Wir befinden uns immerhin im dritten Teil einer als Trilogie-konzipierten Reboot-Serie und befinden uns folglich schon am Ende von Lara’s Geschichte. Insgesamt will das Spiel einzig und allein unterhalten und das macht es auch wie kein zweites. Hier wird beste Popcorn-Unterhaltung mit einigen wirklich überwältigenden Sequenzen geboten, die selbst Nathan Drake vor Neid erblassen lassen. Da verzeihe ich sogar den etwas holprigen Einstieg mit dem kruden Storyelement, dass Lara mal wieder allein und ohne Waffen starten muss… Dabei klingt das schlimmer, als es vielleicht ist, denn Lara’s Abenteuer ist zu keiner Zeit nicht unterhaltsam und auch wenn die Story nicht die originellste ist, so ist hier die Art, wie sie erzählt wird, dennoch auf allerhöchster Ebene. Das Storytelling wurde weiter ausgebaut und wird nun neben einigen geskripteten Ereignissen, wie zum Beispiel einer dramatischen Flucht durch eine von einem Tsunami überflutete Stadt, auch von vielen ruhigeren Passagen und Dialogen geprägt. Ähnlich wie Nathan Drake in Uncharted ist Lara sehr viel kommunikativer geworden und unterhält sich, auch wenn sie alleine unterwegs ist, via Funkgerät mit ihren verbündeten, was ihr und ihrer Geschichte eine sehr viel emotionalere und menschlichere Ebene verleiht und keinen Spieler enttäuschen wird…

Insgesamt ist „Shadow of the Tomb Raider“ das stärkste Kapitel der Trilogie und besonders wenn man die Entwicklung von Lara betrachtet, hinterlässt auch das Ende nach 15-20 Stunden, die sich je nach Grad des Erkundens entweder beschleunigen und verlängern lassen, einen mehr als zufriedenstellenden Gesamteindruck. Auch von der grafischen Seite ist „Shadow of the Tomb Raider“ ein wahrer Augenschmaus und nutzt besonders die Vorzüge der PS4 Pro gekonnt zu seinen Vorteilen aus. Wir haben dabei wieder die Auswahl, ob wir die Zusatzleistung auf Grafik oder Framerate legen wollen, was man auch nach Bedarf umstellen kann.

Wer nach dem Ende noch nicht genug hat, kann auch durchaus einen zweiten Durchgang via „New Games Plus“ in Angriff nehmen. Als Ansporn für ein erneutes Durchspielen stehen insgesamt vier unterschiedliche Schwierigkeitsgrade zur Verfügung, die sich sogar in Bereichen Kampf und Rätzel noch weiter differenzieren lassen, wenn Spieler beispielsweise ein Maximum an Kämpfen und nur ein Minimum an Rätzeln haben möchten. Ich hatte mit “Shadow of the Tomb Raider” wirklich meinen Spaß und kann persönlich nicht ganz nachvollziehen, warum das Spiel meinem Empfinden nach, so untergegangen ist, denn Square Enix liefert hier wieder ein Spiel ab, dass sich in keiner Weise vor irgendeiner Konkurrenz verstecken muss. Lara rockt auch mit dem dritten Teil der Reboot-Serie gewaltig!

NB@17.09.2018